Der Rheingau – die Wiege deutscher Weinkultur

Der Rheingau – die Wiege deutscher Weinkultur

Stand Herbst 2004

Gute 30 Kilometer verläuft der Rhein von Osten nach Westen.

Die dadurch gebildete Südfront ist ein optimaler Standort für besten mineralischen Riesling.
Landschaftlich ist diese kleine Region auch hochromantisch, sofern man die Bundestrasse 42 meidet. Erstens ist sie häufig überfüllt und zweitens geht es dann dennoch zu schnell. Mit einem nervösen Hintermann fällt schnell der eine oder andere spontane Stop aus.

 

Am besten, Sie starten ihre Tour in Eltville.
Dieses hübsche Rheingaustädchen hat nicht nur eine schöne alte Bausubstanz mit vielen Jugendstilhäusern und auch repräsentativen älteren Bauwerken. Es hat auch den Vorteil eine Rheinpromenade zu besitzen. Hier kann man einen Kaffee trinken, den Schiffsverkehr beobachten und Pläne für die ersten Stopps schmieden.
Oder gleich zu den ersten Proben starten.
Schöne Weine in herrlichen Bauten bieten die Staatsweingüter am Ortsanfang und das wunderbare Weingut Langwerth von Simmern 06123 92110 mit Probierausschank im Centrum.
Wohnen sollten Sie direkt am Wasser in der Burg Crass 06123 69060 (www.kellerundkunst.de). Das Haus gehört zum renommierten Rheingauer Sekthersteller Schloss Vaux, hat einige schöne Zimmer mit Rheinblick DZ 130.- und eine sehr gute Küche. Und den unserer meinung nach schönsten Weingarten der Region.

Fahren Sie von Eltville die Nebenstrecke nach Erbach. Hier ist vor allem das Gutshotel Schloss Rheinhartshausen DZ 200.- interessant. Von aussen recht massiv und dann noch direkt neben der B 42 würde man sich nicht gleich verlieben wollen. Aber von innen ist es wirklich ein Hotel, in dem alles stimmt. Der Blick, die Zimmer, das Essen, der Service und vor allem die Bar – mit einer schöneren Aussicht kann man im Rheingau keinen Cocktail schlürfen. Und auch die hauseigenen Gutsweine sind excellent.

Wenn Sie aber der Perfektionismus neben der Schnellstrasse stört, folgt nun eine andere attraktive Alternative: Folgen Sie in Erbach der Beschilderung zu Kloster Eberbach, einer der Top-Adressen des deutschen Weinbaus. Das ehemalige Zisterzienserkloster ist über eine wunderschöne kleine Strasse zu erreichen, die sich durch Weinberge und Wälder windet, bis Sie endlich vor der Abtei stehen. Ein sehr weitläufiges, gut erhaltenes, ja beeindruckendes Bauwerk. Hier wurde der Roman Im Zeichen der Rose von Umberto Eco verfilmt. Im ehemaligen Schlafsaal der Klosterbrüder werden an Sonntagen zur Sommerzeit klassische Konzerte gegeben. Und die Weinauktionen der Staatsdomänrn die heute hier Ihren Sitz haben sind in ganz Europa bekannt. Hier in einem historischen Nebenbau des Klosters, direkt neben dem Klostergasthof befindet sich das geschmackvoll renovierte Hotel oder besser Gästehaus des Gutes. Zugegeben – an Wochende gibt es hier Touristenströme, aber an den anderen Tagen kann man nicht stiller und stimmungsvoller wohnen. Tel 06723 / 993-200 110.- Euro www.klostereberbach.com Wie überall in den höheren Lagen des Rheingaus ergeben sich auch hier vielfache Gelegenheiten zu Wanderungen in Wald und Weinberg, stets mit Blick auf die bezaubernde Flußlandschaft.

Nicht versäumen sollte man auch den Besuch des legendären „Steinberg“. Die Zisterziensermönche, die aus dem Burgund kamen, legten auch hier den Grundstein für den Weinbau. Sie errichteten Mitte des 12.Jahrhunderts unterhalb des Klosters einen Weinberg und umgaben ihn mit einer hohen Steinmauer. Noch heute gibt es die Lage Steinberg und neben dem „Steinberger“ gibt es als Rarität den „Mauerwein“, gekeltert von Reben, die an der sonnendurchglühten Steinmauer wachsen.Vom Kloster fahren wir ins kleine beschauliche Kiedrich mit seinen vielen Wirtshäusern und Buschenschenken (Empfehlung: Gutsschänke Schloss Groenesteyn Oberstr. 36, 06123 1533). Kiedrich liegt einige Kilometer oberhalb des Flusses. Der bekannteste Weinbaubetrieb ist wohl der von Robert Weil, im Besitz des Japaners Suntory; eine heutzutage nicht mehr ganz unübliche Gesellschaftskonstruktion. Die im übrigen mit dafür sorgte, daß das Gut Weil lt. Gault + Millau „zu den Weltbesten“ zählt. Mit Weinen, die wie ein guter Markenartikel fast überall zu haben Weiter nun ins hübsche und gastliche Hattenheim. Direkt im Ortskern liegt das Hotel Zum Krug. 06723 99680. DZ 110.- .Alt, solide, gut gepflegt und ruhig. Die gute Küche ist leider häufig geschlossen: Sonntagabend, Montag, Dienstagmittag. Aber in unmittelbarer Nähe steht Franz Kellers Adler-Gasthof, eine dynamisch geführte Beiz mit besten Kochleistungen ohne jeden Manierismus. Hier kann man auch in Wanderkluft einkehren. Sehr zu empfehlen ist die sehr vielfältige Vorspeisenparade. 06723 7982 Dienstag Ruhetag. Am Rhein und damit an der B42 liegt das Kronenschlösschen, sehr kultiviert, mit Bestformküche und gepflegtem Garten, individuellen Zimmern usw. usw., alles wunderbar, wenn nur die Strasse nicht wäre. 06723-640 DZ 150.- . Darum wohnen wir im Krug, essen zu Mittag im Kronenschlösschen (vielleicht im Garten) und hauen abends beim Keller auf die Pauke. Und wer die Riesling-Säure nicht mehr mag, für den gibts eine Bierkneipe mit Steg direkt am Rhein (Strasse im Rücken, da hört man´s nicht so).

Abstecher: Von Östrich aus kann man mit der Fähre hinüber ins feindliche Anbaugebiet Rheinhessen. Hier in Ingelheim gelingen den Rotweinkönigen Dautermann und Wasem ausergewöhnliche Tropfen.

Wir aber fahren weiter nach Winkel. Wer es zünftig und beschaulich mag suche das Weingut Basting-Gimbel mit seiner Straußenwirtschaft im Innenhof auf oder aber – und das ist ohnehin ein Pflichtprogramm – er fahre die Weinberge hinauf zum Schloss Vollrads. In diesem beeindruckenden historischen Gemäuer findet er einen Gutsauschank, so still und schön und stimmungsvoll, daß er hier sicher für immer bleiben möchte (wandern ist hier wieder bestens möglich). 067 23 52 70 Mittwoch Ruhetag. Die wechselvolle und teilweise tragische Geschichte des Weinschlosses und seiner Herren stimmt melancholisch und wenn die Nebelschwaden am Abend durch die Weinberge ziehen sitzt man mit seinem Glas im Garten des Gutes und ist meilenweit von Rüdesheim mit seiner Drosselgasse entfernt. Unserem nächsten Ziel.

Doch auf dem Weg dorthin passieren wir Johannisberg mit seinem Schloß, ebenfalls historisches Urgestein des Rheingaus. Schon Heine sagte sinngemäss, er bedauere, über keinen Glauben verfügen zu können, der Berge versetze, ansonsten er sich immer den Johannisberg nachkommen liesse. Wie es um den Glauben des heutigen Eigentümers bestellt ist bleibt offen, Oetker hat – vielleicht noch wichtiger – die unternehmerischen Qualitäten das riesige Anwesen mit Leben zu füllen und man soll nicht vorurteilen, daß hier nur Industrieprodukte ausgestossen werden. Die Weine im oberen Preisgefüge sind sehr beachtlich. Im wundervoll gelegenen Besitz des Puddingkönigs betreibt Käfer einen feinen Gutssauschank, dessen Küche mögliche Erschöpfungen lindern hilft 06722-8538.

 

Eine besondere Hotelempfehlung ist das Relais + Chateau Burg Schwarzenstein www.burg-schwarzenstein.de , eine gelungene Symbiose von Uralt und Ultramodern. Es handelt sich um zwei, bzw drei (das Gourmetrestaurant) Hotelkomplexe. Der ältere hat den schöneren Blick von hochdroben ins Rheintal. Im neueren kubistischem Gebäude sollte man bei der Zimmerwahl auf einen Blick bestehen. Ein echtes Hochqualitätsniveau, was Ausstattung und Küche angeht. Auch das „normale“  Restaurant ist sehr gut und hat einen fantastischer Blick. Sehr ruhige Lage in den Weinbergen, für Wanderungen ideal. Der einzige Wermutstropfen ist die Beliebtheit des Hauses bei Tagungsgästen. DZ 200 Tel. 0 67 22 – 99 50-0

 

 

 

Noch ein paar Kilometer und wir sind in Rüdesheim. Oben am Hang sehen wir das Kloster der Heiligen Hildegard von Bingen. Die grosse Frauengestalt des frühen Mittelalters ist heute vor allem durch ihre Heilkunde lebendig und auch sie schrieb dem Wein positive Wirkungen zu. Noch heute bewirtschaften die Benediktinerinnen einige Weinberge, die Qualitäten sind im Klosterladen zu erwerben.

Tipp:
wenn Sie der Rheingau nicht anspricht, so ist jetzt die beste Gelegenheit Konsequenz zu zeigen: mit der Fähre nach Bingen hinüber und dann 10 Kilometer hinauf in den Hunsrück. Dort in Stromberg liegt Fernseh-Lafers traumhaft schöne und stille Stromburg.

 

 

Am Rhein stellen wir das Auto ab und sehen schon die Drosselgasse abzweigen.
Sehr schmal, jedes Haus eine Gastube mit Alleinunterhalter und bunten Birnchen. Rheinwein gibt´s und Wies´nbier mit Knödeln. Man muß die Drosselgasse nicht gesehen haben und auch die Rüdesheimer Andenkenläden sind nicht unbedingt einen Besuch wert. Aber die Stadt hat ihre Reize. Das Schloss, ein paar sehr gute Weinbaubetriebe z.B. Dr.Nägler, Breuer und Leitz mit der Superlage Rüdesheimer Schlossberg und dann noch die Kabinenbahn zum Niederwalddenkmal. Dort oben ist es wieder still mit einem unvergleichlich schönen Blick auf das Rheintal. Sollten Sie mit der Familie anreisen, es gibt hier oben neben dem Kriegerdenkmal von 1871 noch eine Adlerwarte und beim nahegelegene Jagdschloss Niederwald (wiederum sehr hübsch und ruhig mit guter Küche) auch einen Wildpark.

Und von hier gibt es einen Sessellift hinunter nach Assmannshausen, dem letzten Stopp auf unserer Rheingau Tour.Wir könnten auch direkt am Rhein entlang nach Assmannshausen fahren. Endlich ist die B42 gemütlich schmal und man sieht sogar den

Fluß (keine Selbstverständlichkeit: bei vielen Rheinuferstrassen sieht man oftmals nur die Leitplanke, es sei denn man sitzt im LKW).

Und dann erscheint auch der legendäre Mäuseturm, vor allem abends angestrahlt sehr malerisch. Schon sind wir im Rotweinörtchen. Assmannshausen ist eingezwängt zwischen der nun wieder breiter gewordenen Strasse und der Bundesbahnlinie und dennoch beschaulich. Der Fluss zwängt sich zwischen zwei bewaldeten Bergrücken hindurch und ändert seine Richtung wieder schneller und schmaler werdend in Richtung Norden.

Hier nun liegt ein gastliches Kleinod, die berühmte Krone, ein wunderschönes Hotel mit einem eigenem Burgunderweinberg. Die Roten prunken mit ausgefeilten Cassistönen, aber auch die Weissen sind überaus delikat. Ein behagliches Haus, kein Ziel für Wandervögel. Zwar weiss das freundliche Personal die Überraschung beim Anblick von durchgewetzten Lederhosen recht gut zu verbergen, die anderen Gäste wundern sich dafür umso mehr. Sehr schöne geschmackvolle Zimmer, teilweise mit Rheinblick. Ambitioniertes Veranstaltungsprogramm. Auch wenn Burkhart Ullrich, der Initiator vieler Rheingau Festivals jetzt nur noch Eigentümer des Kronenschlösschens (s. o.) ist, ein Besuch in seinem alten Flaggschiff lohnt immer.

Von der Terrasse kann man noch ein letztes Mal die Rheinluft schnuppern, die grossen Weine, die man gekostet hat Revue passieren lassen, sich der gastlichen Häuser mit ihren ambitionierten Kochkünsten und der romantische Landschaft erinnern und sich darüber freuen, daß sich dieses typische Stück Deutschland emanzipiert hat. Herrliche Weine, die in Europa ihresgleichen suchen, gab es hier schon immer. Aber auch die Küche braucht sich vor unseren westlichen Nachbarn keinesfalls zu verstecken. Und alles nur ein paar Autostunden entfernt.